Alte und neue Wege
Die Welt war eingefroren. Viel Schnee war gefallen, dann etwas Regen, dann wieder Schnee und es wurde so kalt, wie es sieben Jahre nicht mehr war. Die Straßen sahen aus wie gepflügte Äcker, mit zwei Fahrrinnen, die die Autos gewaltsam in der Spur hielten. Die Äcker hingegen lagen still, sanft und unberührt. Die Nacht war klar und hell, der Schnee reflektierte das Mondlicht und man konnte kilometerweit sehen.
„Verstehst du, warum die schon losgefahren sind? Tania hat doch gesagt, wir können mitfahren!“
Er antwortete: „Keine Ahnung, ich war kurz rauchen, dann war’n alle weg. Nur du warst noch da.“
Sie: „Zum Glück, alleine hätt’ ich kein Bock gehabt durch diese Scheißkälte zu laufen. Wenn man hinfällt und erfriert.“ Er schaute auf den Boden und lächelte.
Die beiden kamen von einer ziemlich langweiligen Geburtstagsfeier in Richhausen, ihrem Heimatdorf. Eigentlich war es eine kleine Stadt. Der kleine Bruder eines Freundes feierte seinen achtzehnten Geburtstag und man musste erscheinen, wusste aber schon, worin es endet. Alle saßen in der mit Ölradiatoren beheizten, aber trotzdem viel zu kalten Garage. Es gab Siedewürstchen und Glühwein, irgendwelche Tanten hatten Kartoffelsalat gemacht.
Viele waren wegen des Wetters gar nicht erschienen und so musste er sich mit der Mutter am Würstchenkessel unterhalten, bekam Kindheitserinnerungen erzählt, die er schon kannte und schon immer ermüdend fand. Der Vater saß in bunten Jogginghosen an einer der Biertischgarnituren und erzählte lange von Pink Floyd und anderen, fast vergessenen Bands.
Sie hatte sich in eine Ecke der Garage gesetzt und mit verschiedenen Leuten telefoniert. Ihr war die lethargische Stimmung, in der alles seinen Platz und seine Richtigkeit hat, zuwider.
Um der Kälte und der Langeweile zu entkommen, betranken sich die Meisten mit Glühwein, bis die Zeit war, nach Babenheim zu gehen. In Babenheim fand an diesem Tag, wie in jedem Jahr, die Ibiza Beach Party statt. Mitten im Winter wurde die nach Bier stinkende Dorfsporthalle aufgeheizt, mit Sand ausgestreut und es wurden Palmen aufgestellt. Es war eine der wichtigsten Veranstaltungen des Jahres, je kälter, desto wichtiger.
„Dass dieser Trottel auch seine scheiß Feier am Ibiza-Tag machen muss!“ Sie beschwerte sich, um sich von der Kälte abzulenken. „Zweiter Samstag im Januar. Ibiza Beach Party. Nicht Geburtstagsparty.“
„Und wir müssen hin.“
„Das ist das Schlimmste dran. Scheiß Dorfpolitik. Bald bin ich weg.“
Dann schwiegen sie eine Weile, konzentrierten sich auf den Weg, eine kleine Landstraße, rechts Wald, links Felder. Sie liefen in den Fahrrinnen, er rechts, sie links. Es war nicht weit, vielleicht vier Kilometer, dann waren sie in Babenheim.
„Möchtest du meine Mütze? Ich hab’ ne Kapuze.“
„Nein, es geht schon… eigentlich – eigentlich doch.“ Sie nahm seine Mütze, es war eine schwarze Wollmütze, und setzte sie auf. Fast etwas gerührt sagte sie: „Danke, du bist einer, der sich immer um alle kümmert. Das find’ ich toll.“ Und lächelte. Sie hatte schöne Zähne, die gut in ihr Gesicht passten. Alle mochten ihr Lächeln.
Er war ein klein wenig beschämt und wechselte das Thema: „Und du gehst dann nach Frankfurt, hab ich gehört. Was studierst du dann?“
„Hoffentlich Jura. Die lassen sich so scheißeviel Zeit mit den Aufnahmen. …wobei jetzt alles anders ist und ich grad’ überhaupt nichts mehr sicher weiß.“
„Was meinst du?“
„Ich wollte ja zu Mirko ziehen.“ Sie machte eine Pause, sagte dann zitternd, mehr wegen der Kälte, ein bisschen aus Zorn: „Wir sind nicht mehr zusammen.“
Er überlegte, ob er „Na endlich.“ sagen sollte, entschied sich dagegen und brachte bloß „Krass.“ heraus. Mirko war einer dieser Typen, die als sie achtzehn wurden, fünfzehnjährige Mädchen im Auto ihres Vaters mitnahmen. Bestimmt hatte er sie betrogen.
„Deswegen wirst du ja wohl trotzdem studieren.“
„Klar, aber wenn ich da nicht genommen werde?“
„Wirst du bestimmt.“ Er wusste nicht, was er sonst sagen sollte. Er hatte von Universitäten keine Ahnung.
Plötzlich: „Weißt du noch, wie wir mit, hm, vielleicht neun alle auf den Katzenhügel sind, mit den Schlitten? Und du hattest die Idee mit den Plastiktüten, oder?“
Er musste lachen, schaute nach oben. „Eine der besten Ideen meines Lebens. Das ging so dermaßen ab!“
In dem Moment fiel ihr etwas ein: „Und du hast mich umgefahren, weil du viel schwerer und schneller warst!“
„Du warst ja auch ein blödes Mädchen.“ Er grinste sie an. „Ein Mädchen bist du ja immer noch.“
Wäre es nicht so kalt gewesen, wäre sie vielleicht rot geworden. Beiden war nicht bewusst gewesen, wie lange sie sich schon kannten. Die Wärme, die solche Erinnerungen haben, wurde von einer eiskalten Windböe verweht, die völlig unvermittelt kam und beide aufschreckte. Es sollte nicht die letzte sein. Wind kam auf, und blies den beiden die nasskalte Luft ins Gesicht. Er zog die Schultern hoch, versuchte seine Nase im Kragen seines Parkas zu verstecken und zog die Kapuze zu.
„Mit dem Fellzeug siehst du aus wie ein Eskimo.“ Sie band ihren schwarzen Strickschal bis kurz unter die Augen.
„Und du wie ein Ninja.“
„Was wesentlich cooler ist. Ha!“ Sie lachte gespielt auf.
„Hmhm. Mist.“ Er machte eine Pause. „Ich finde es komisch, dass man keine Sterne sieht, obwohl der Himmel ganz klar ist.“ Der Himmel war eine tiefblaue Fläche, man sah keine einzige Wolke, aber auch keinen einzigen Stern. Nur der zunehmende Halbmond erleuchtete die Landschaft. „Liegt vielleicht daran, dass der Schnee zu viel Mondlicht reflektiert.“
Die Nacht kühlte die beiden langsam aus. Sie hatten etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt, es war also sinnlos umzukehren. Ein vorbeifahrendes Auto konnten sie nicht erwarten. Es war zwar der kürzeste Weg von Richhausen nach Babenheim, aber bei diesem Wetter nutzten alle die Schnellstraße. Etwa einhundert Meter vor ihnen lag der alte Reiterhof, der seit drei Jahren leer stand. Die Besitzerin war vom Pferd gestürzt und hatte sich das Genick gebrochen. Die Pferde waren vom Veterinäramt abgeholt worden, aber niemand hatte sich um den Hof gekümmert.
Beunruhigt sagte sie: „Können wir da gucken, ob wir ein paar Decken oder so finden?“
„Gute Idee. Machen wir.“
Sie schauten erst in den offen stehenden Stall, fanden aber nichts außer zwei Sätteln und etwas Werkzeug und gingen zum Wohnhaus. Wie bei verlassenen Häusern, die etwas abseits liegen üblich, waren einige Fensterscheiben eingeworfen worden. Die Tür war verschlossen.
„Können wir da einfach so rein?“
„Moralisch finde ich es völlig ok. Ist halt bloß illegal.“ Er blickte sie fast verwegen an. Sie war beeindruckt von der Sicherheit in seiner Stimme, obwohl sie nichts von Männern hielt, die etwas tun, um zu beweisen, dass sie echte Kerle sind.
Er trat gegen die Tür, aber sie gab nicht nach. Die Besitzerin des Reiterhofs war eine seltsame Frau gewesen. Als Kinder hatten sie Angst vor ihr gehabt, weil die älteren Kinder erzählten, sie sei eine Hexe. Es war auch wirklich gefährlich gewesen, in ihrer Nähe zu sein. Einmal wurden sie von ihr an der Koppel entdeckt, wie sie die Pferde streichelten. Die Hexe lief laut schimpfend auf sie zu und hatte tatsächlich einen Besen dabei. Alle rannten zu ihren Fahrrädern und fuhren in Panik davon. Ab da war der Ruf der Hexe gefestigt.
Umso aufregender war es jetzt, nach mehr als zehn Jahren in ihr Haus einzubrechen. Die Tür war zu stabil, deswegen gingen sie um das Haus, an eins der zerbrochenen Fenster. Er nahm einen langen Stock und drückte die Reste der Scheibe aus dem Rahmen. Das Fenster lag zu hoch, um einfach hineinzuklettern.
„Räuberleiter?“
„Bleibt mir was anderes übrig?“ Sie biss sich auf die Unterlippe, was man allerdings unter ihrem Schal nicht sehen konnte. „Das ist aufregend… Ok, dann woll’n wir mal.“
Er stellte sich mit dem Rücken zur Wand, direkt unter das Fenster und hielt seine Hände als Steigbügel. „Pass auf, dass du dich nicht an den Scherben verletzt.“
„Das passt schon. Ich bin ja dick eingepackt.“ Sie legte ihre Hände auf seine Schultern und stellte ihren rechten Fuß in seine Hände. Sie schauten sich in die Augen. Einen Moment, vielleicht eine halbe Sekunde, vielleicht drei, blieben sie in dieser Position. Dann zählte er an: „Eins. Zwei. Drei!“
Sie konnte sich am Fensterrahmen festhalten und setzte das linke Knie auf das Fensterbrett.
„Stell deinen Fuß auf meine Schultern! Oder geht’s?“
„Es geht, hier sind auch keine Scherben!“ Sie griff durch das leere Fenster und öffnete es von innen. Es war kein großes Fenster, aber sie passte hindurch.
„Ich bin in der Küche! Es ist ziemlich dunkel und… uah! Es stinkt! Ich gehe zur Haustür. Vielleicht krieg’ ich sie auf.“ Die Haustür war zwar massiv und stabil, aber nicht abgeschlossen gewesen. „Willkommen in der Hexenhütte!“ Ihre Augen strahlten, sie machte eine einladende Geste. Er nickte ihr zu und trat fast feierlich über die Türschwelle.
Aus der Küche kam ein übler Geruch, trotz der Kälte. Sie gingen durch den schimmligen Flur ins Schlafzimmer. Die Fenster waren intakt, es roch bloß etwas muffig und alles war völlig verstaubt. Das Bett war gemacht, über der Sommerdecke lag ein roter, selbst gestrickter Plaid. Die Dielen knarrten bei jedem Schritt.
„Nimm dir die Decke, ich schau mal im Schrank.“ Er öffnete den großen Holzschrank. „Decken sind keine mehr da. Aber wie wär’s mit einer echten Hexenjacke?“ Er nahm ein riesiges, braunes Lodencape heraus und roch daran. Sie hatte sich sowohl Sommerdecke als auch Plaid umgelegt und saß mit angezogenen Beinen auf dem Bett.
„Ich bin zufrieden“, sagte sie. „Probier du mal an!“
Er legte sich das Cape über die Schultern und knöpfte es langsam zu. Es reichte fast bis zum Boden. Als er es fertig angezogen hatte, drehte er sich langsam im Kreis.
„Sehr, sehr schick!“ Sie klatschte, wie bei einer Modenschau, langsam und wissend in die Hände. Ihr Blick war der einer professionellen Modekennerin. Beide grinsten.
Sie wollten nicht länger bleiben, das Haus war zwar konventioneller eingerichtet, als sie sich es als Kinder vorgestellt hatten, aber es blieb unheimlich. Sie verzichteten darauf, die anderen Räume zu durchsuchen und verließen die Hexenhütte. Er zog die Haustür zu und sie gingen ganz eng nebeneinander zurück zur Straße.
Sie waren gerüstet für den Rest des Weges. Längere Zeit sagte keiner ein Wort.
Dann: „Dass niemand sich um dieses Haus gekümmert hat, noch nicht mal irgendwelche Diebe.“
„Außer uns.“ Er zog eine Augenbraue hoch. Sie liefen wieder in den Fahrrinnen, er rechts, sie links.
Die Spuren führten sie unweigerlich nach Babenheim. Der Rest des Weges war durch die Decken und das Lodencape erträglich geworden. Die Sporthalle lag außerhalb, direkt neben der Schnellstraße, die frei geräumt worden war. Der Parkplatz war voll, es war laut und vor dem Eingang waren viele Leute ohne Jacken, mit Zigaretten in der Hand. Die beiden standen auf einer Anhöhe und blickten mit Stolz und Erleichterung auf die Ibiza Beach Party. Alles war so, wie sie es erwartet hatten. Alle freuten sich seit Weihnachten auf diese Party.
„Geschafft“, sagte sie. Sie warf die Sommerdecke und den Plaid in den Schnee, lief den Hügel hinab und drehte sich um. „Komm schon!“, rief sie. „Es ist warm in Ibiza!“
„Moment noch, ich geh’ bestimmt nicht in dem Ding auf die Party.“ Er legte das Cape auf die Decken und holte sie ein.
Kurz vor dem Eingang schaute sie ihn an: „Das war schön mit dir.“ Dann blickte sie auf den Boden. Sie wollte gar nicht mehr auf die Party.
„Weißt du…“ Er zögerte, schloss die Augen und sagte: „Eigentlich hat es mir beim Geburtstag viel besser gefallen. Sollen… sollen wir zurück laufen?“
Sie biss sich wieder auf die Unterlippe – diesmal konnte man es sehen – und nickte. Er sah ihr in die Augen. Sie drehten um und gingen zu der Sommerdecke, dem Plaid und dem Lodencape zurück.
Diesmal liefen sie über die Äcker. So konnten sie ganz eng nebeneinander gehen. Und vielleicht, vielleicht teilten sie sich dabei sogar die Sommerdecke.