Archiv für Mai 2010:

Alte und neue Wege

Veröffentlicht am 16. Mai 2010 von

Die Welt war eingefroren. Viel Schnee war gefallen, dann etwas Regen, dann wieder Schnee und es wurde so kalt, wie es sieben Jahre nicht mehr war. Die Straßen sahen aus wie gepflügte Äcker, mit zwei Fahrrinnen, die die Autos gewaltsam in der Spur hielten. Die Äcker hingegen lagen still, sanft und unberührt. Die Nacht war klar und hell, der Schnee reflektierte das Mondlicht und man konnte kilometerweit sehen.
„Verstehst du, warum die schon losgefahren sind? Tania hat doch gesagt, wir können mitfahren!“
Er antwortete: „Keine Ahnung, ich war kurz rauchen, dann war’n alle weg. Nur du warst noch da.“
Sie: „Zum Glück, alleine hätt’ ich kein Bock gehabt durch diese Scheißkälte zu laufen. Wenn man hinfällt und erfriert.“ Er schaute auf den Boden und lächelte.
Die beiden kamen von einer ziemlich langweiligen Geburtstagsfeier in Richhausen, ihrem Heimatdorf. Eigentlich war es eine kleine Stadt. Der kleine Bruder eines Freundes feierte seinen achtzehnten Geburtstag und man musste erscheinen, wusste aber schon, worin es endet. Alle saßen in der mit Ölradiatoren beheizten, aber trotzdem viel zu kalten Garage. Es gab Siedewürstchen und Glühwein, irgendwelche Tanten hatten Kartoffelsalat gemacht.
Viele waren wegen des Wetters gar nicht erschienen und so musste er sich mit der Mutter am Würstchenkessel unterhalten, bekam Kindheitserinnerungen erzählt, die er schon kannte und schon immer ermüdend fand. Der Vater saß in bunten Jogginghosen an einer der Biertischgarnituren und erzählte lange von Pink Floyd und anderen, fast vergessenen Bands.
Sie hatte sich in eine Ecke der Garage gesetzt und mit verschiedenen Leuten telefoniert. Ihr war die lethargische Stimmung, in der alles seinen Platz und seine Richtigkeit hat, zuwider.
Um der Kälte und der Langeweile zu entkommen, betranken sich die Meisten mit Glühwein, bis die Zeit war, nach Babenheim zu gehen. In Babenheim fand an diesem Tag, wie in jedem Jahr, die Ibiza Beach Party statt. Mitten im Winter wurde die nach Bier stinkende Dorfsporthalle aufgeheizt, mit Sand ausgestreut und es wurden Palmen aufgestellt. Es war eine der wichtigsten Veranstaltungen des Jahres, je kälter, desto wichtiger.
„Dass dieser Trottel auch seine scheiß Feier am Ibiza-Tag machen muss!“ Sie beschwerte sich, um sich von der Kälte abzulenken. „Zweiter Samstag im Januar. Ibiza Beach Party. Nicht Geburtstagsparty.“
„Und wir müssen hin.“
„Das ist das Schlimmste dran. Scheiß Dorfpolitik. Bald bin ich weg.“
Dann schwiegen sie eine Weile, konzentrierten sich auf den Weg, eine kleine Landstraße, rechts Wald, links Felder. Sie liefen in den Fahrrinnen, er rechts, sie links. Es war nicht weit, vielleicht vier Kilometer, dann waren sie in Babenheim.
„Möchtest du meine Mütze? Ich hab’ ne Kapuze.“
„Nein, es geht schon… eigentlich – eigentlich doch.“ Sie nahm seine Mütze, es war eine schwarze Wollmütze, und setzte sie auf. Fast etwas gerührt sagte sie: „Danke, du bist einer, der sich immer um alle kümmert. Das find’ ich toll.“ Und lächelte. Sie hatte schöne Zähne, die gut in ihr Gesicht passten. Alle mochten ihr Lächeln.
Er war ein klein wenig beschämt und wechselte das Thema: „Und du gehst dann nach Frankfurt, hab ich gehört. Was studierst du dann?“
„Hoffentlich Jura. Die lassen sich so scheißeviel Zeit mit den Aufnahmen. …wobei jetzt alles anders ist und ich grad’ überhaupt nichts mehr sicher weiß.“
„Was meinst du?“
„Ich wollte ja zu Mirko ziehen.“ Sie machte eine Pause, sagte dann zitternd, mehr wegen der Kälte, ein bisschen aus Zorn: „Wir sind nicht mehr zusammen.“
Er überlegte, ob er „Na endlich.“ sagen sollte, entschied sich dagegen und brachte bloß „Krass.“ heraus. Mirko war einer dieser Typen, die als sie achtzehn wurden, fünfzehnjährige Mädchen im Auto ihres Vaters mitnahmen. Bestimmt hatte er sie betrogen.
„Deswegen wirst du ja wohl trotzdem studieren.“
„Klar, aber wenn ich da nicht genommen werde?“
„Wirst du bestimmt.“ Er wusste nicht, was er sonst sagen sollte. Er hatte von Universitäten keine Ahnung.
Plötzlich: „Weißt du noch, wie wir mit, hm, vielleicht neun alle auf den Katzenhügel sind, mit den Schlitten? Und du hattest die Idee mit den Plastiktüten, oder?“
Er musste lachen, schaute nach oben. „Eine der besten Ideen meines Lebens. Das ging so dermaßen ab!“
In dem Moment fiel ihr etwas ein: „Und du hast mich umgefahren, weil du viel schwerer und schneller warst!“
„Du warst ja auch ein blödes Mädchen.“ Er grinste sie an. „Ein Mädchen bist du ja immer noch.“
Wäre es nicht so kalt gewesen, wäre sie vielleicht rot geworden. Beiden war nicht bewusst gewesen, wie lange sie sich schon kannten. Die Wärme, die solche Erinnerungen haben, wurde von einer eiskalten Windböe verweht, die völlig unvermittelt kam und beide aufschreckte. Es sollte nicht die letzte sein. Wind kam auf, und blies den beiden die nasskalte Luft ins Gesicht. Er zog die Schultern hoch, versuchte seine Nase im Kragen seines Parkas zu verstecken und zog die Kapuze zu.
„Mit dem Fellzeug siehst du aus wie ein Eskimo.“ Sie band ihren schwarzen Strickschal bis kurz unter die Augen.
„Und du wie ein Ninja.“
„Was wesentlich cooler ist. Ha!“ Sie lachte gespielt auf.
„Hmhm. Mist.“ Er machte eine Pause. „Ich finde es komisch, dass man keine Sterne sieht, obwohl der Himmel ganz klar ist.“ Der Himmel war eine tiefblaue Fläche, man sah keine einzige Wolke, aber auch keinen einzigen Stern. Nur der zunehmende Halbmond erleuchtete die Landschaft. „Liegt vielleicht daran, dass der Schnee zu viel Mondlicht reflektiert.“
Die Nacht kühlte die beiden langsam aus. Sie hatten etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt, es war also sinnlos umzukehren. Ein vorbeifahrendes Auto konnten sie nicht erwarten. Es war zwar der kürzeste Weg von Richhausen nach Babenheim, aber bei diesem Wetter nutzten alle die Schnellstraße. Etwa einhundert Meter vor ihnen lag der alte Reiterhof, der seit drei Jahren leer stand. Die Besitzerin war vom Pferd gestürzt und hatte sich das Genick gebrochen. Die Pferde waren vom Veterinäramt abgeholt worden, aber niemand hatte sich um den Hof gekümmert.
Beunruhigt sagte sie: „Können wir da gucken, ob wir ein paar Decken oder so finden?“
„Gute Idee. Machen wir.“
Sie schauten erst in den offen stehenden Stall, fanden aber nichts außer zwei Sätteln und etwas Werkzeug und gingen zum Wohnhaus. Wie bei verlassenen Häusern, die etwas abseits liegen üblich, waren einige Fensterscheiben eingeworfen worden. Die Tür war verschlossen.
„Können wir da einfach so rein?“
„Moralisch finde ich es völlig ok. Ist halt bloß illegal.“ Er blickte sie fast verwegen an. Sie war beeindruckt von der Sicherheit in seiner Stimme, obwohl sie nichts von Männern hielt, die etwas tun, um zu beweisen, dass sie echte Kerle sind.
Er trat gegen die Tür, aber sie gab nicht nach. Die Besitzerin des Reiterhofs war eine seltsame Frau gewesen. Als Kinder hatten sie Angst vor ihr gehabt, weil die älteren Kinder erzählten, sie sei eine Hexe. Es war auch wirklich gefährlich gewesen, in ihrer Nähe zu sein. Einmal wurden sie von ihr an der Koppel entdeckt, wie sie die Pferde streichelten. Die Hexe lief laut schimpfend auf sie zu und hatte tatsächlich einen Besen dabei. Alle rannten zu ihren Fahrrädern und fuhren in Panik davon. Ab da war der Ruf der Hexe gefestigt.
Umso aufregender war es jetzt, nach mehr als zehn Jahren in ihr Haus einzubrechen. Die Tür war zu stabil, deswegen gingen sie um das Haus, an eins der zerbrochenen Fenster. Er nahm einen langen Stock und drückte die Reste der Scheibe aus dem Rahmen. Das Fenster lag zu hoch, um einfach hineinzuklettern.
„Räuberleiter?“
„Bleibt mir was anderes übrig?“ Sie biss sich auf die Unterlippe, was man allerdings unter ihrem Schal nicht sehen konnte. „Das ist aufregend… Ok, dann woll’n wir mal.“
Er stellte sich mit dem Rücken zur Wand, direkt unter das Fenster und hielt seine Hände als Steigbügel. „Pass auf, dass du dich nicht an den Scherben verletzt.“
„Das passt schon. Ich bin ja dick eingepackt.“ Sie legte ihre Hände auf seine Schultern und stellte ihren rechten Fuß in seine Hände. Sie schauten sich in die Augen. Einen Moment, vielleicht eine halbe Sekunde, vielleicht drei, blieben sie in dieser Position. Dann zählte er an: „Eins. Zwei. Drei!“
Sie konnte sich am Fensterrahmen festhalten und setzte das linke Knie auf das Fensterbrett.
„Stell deinen Fuß auf meine Schultern! Oder geht’s?“
„Es geht, hier sind auch keine Scherben!“ Sie griff durch das leere Fenster und öffnete es von innen. Es war kein großes Fenster, aber sie passte hindurch.
„Ich bin in der Küche! Es ist ziemlich dunkel und… uah! Es stinkt! Ich gehe zur Haustür. Vielleicht krieg’ ich sie auf.“ Die Haustür war zwar massiv und stabil, aber nicht abgeschlossen gewesen. „Willkommen in der Hexenhütte!“ Ihre Augen strahlten, sie machte eine einladende Geste. Er nickte ihr zu und trat fast feierlich über die Türschwelle.
Aus der Küche kam ein übler Geruch, trotz der Kälte. Sie gingen durch den schimmligen Flur ins Schlafzimmer. Die Fenster waren intakt, es roch bloß etwas muffig und alles war völlig verstaubt. Das Bett war gemacht, über der Sommerdecke lag ein roter, selbst gestrickter Plaid. Die Dielen knarrten bei jedem Schritt.
„Nimm dir die Decke, ich schau mal im Schrank.“ Er öffnete den großen Holzschrank. „Decken sind keine mehr da. Aber wie wär’s mit einer echten Hexenjacke?“ Er nahm ein riesiges, braunes Lodencape heraus und roch daran. Sie hatte sich sowohl Sommerdecke als auch Plaid umgelegt und saß mit angezogenen Beinen auf dem Bett.
„Ich bin zufrieden“, sagte sie. „Probier du mal an!“
Er legte sich das Cape über die Schultern und knöpfte es langsam zu. Es reichte fast bis zum Boden. Als er es fertig angezogen hatte, drehte er sich langsam im Kreis.
„Sehr, sehr schick!“ Sie klatschte, wie bei einer Modenschau, langsam und wissend in die Hände. Ihr Blick war der einer professionellen Modekennerin. Beide grinsten.
Sie wollten nicht länger bleiben, das Haus war zwar konventioneller eingerichtet, als sie sich es als Kinder vorgestellt hatten, aber es blieb unheimlich. Sie verzichteten darauf, die anderen Räume zu durchsuchen und verließen die Hexenhütte. Er zog die Haustür zu und sie gingen ganz eng nebeneinander zurück zur Straße.
Sie waren gerüstet für den Rest des Weges. Längere Zeit sagte keiner ein Wort.
Dann: „Dass niemand sich um dieses Haus gekümmert hat, noch nicht mal irgendwelche Diebe.“
„Außer uns.“ Er zog eine Augenbraue hoch. Sie liefen wieder in den Fahrrinnen, er rechts, sie links.
Die Spuren führten sie unweigerlich nach Babenheim. Der Rest des Weges war durch die Decken und das Lodencape erträglich geworden. Die Sporthalle lag außerhalb, direkt neben der Schnellstraße, die frei geräumt worden war. Der Parkplatz war voll, es war laut und vor dem Eingang waren viele Leute ohne Jacken, mit Zigaretten in der Hand. Die beiden standen auf einer Anhöhe und blickten mit Stolz und Erleichterung auf die Ibiza Beach Party. Alles war so, wie sie es erwartet hatten. Alle freuten sich seit Weihnachten auf diese Party.
„Geschafft“, sagte sie. Sie warf die Sommerdecke und den Plaid in den Schnee, lief den Hügel hinab und drehte sich um. „Komm schon!“, rief sie. „Es ist warm in Ibiza!“
„Moment noch, ich geh’ bestimmt nicht in dem Ding auf die Party.“ Er legte das Cape auf die Decken und holte sie ein.
Kurz vor dem Eingang schaute sie ihn an: „Das war schön mit dir.“ Dann blickte sie auf den Boden. Sie wollte gar nicht mehr auf die Party.
„Weißt du…“ Er zögerte, schloss die Augen und sagte: „Eigentlich hat es mir beim Geburtstag viel besser gefallen. Sollen… sollen wir zurück laufen?“
Sie biss sich wieder auf die Unterlippe – diesmal konnte man es sehen – und nickte. Er sah ihr in die Augen. Sie drehten um und gingen zu der Sommerdecke, dem Plaid und dem Lodencape zurück.
Diesmal liefen sie über die Äcker. So konnten sie ganz eng nebeneinander gehen. Und vielleicht, vielleicht teilten sie sich dabei sogar die Sommerdecke.

Für die Ewigkeit

Veröffentlicht am 13. Mai 2010 von

Es gibt kaum etwas, das so schwer zu finden und so leicht wieder zu verlieren ist wie Glück. In ihrem Leben war Glück eine Seltenheit, ist Glück schon immer eine Seltenheit gewesen, und sie litt unter den Mangelerscheinungen, die dieses Defizit an Glück in ihr bewirkte.
Sie ist als Halbwaise aufgewachsen, allein mit ihrem Vater, weil ihre Mutter kurz nach der Geburt gestorben war, ohne ihr Kind auch nur ein einziges Mal in den Armen gehalten zu haben. Ihre nicht allzu unbeschwerte Kindheit war von stetiger Entbehrung geprägt, und neben ihrer persönlichen Verfassung haben auch ihre schulischen Leistungen deren alles überschattenden Einfluss erfahren müssen, doch hat sie die Schule verlassen, sobald diese Möglichkeit in Sichtweite geraten war, um Geld zu verdienen für das, was sie Familie nannte. Ihr Einkommen reichte kaum zum Überleben. Sie hatte eine Arbeit, denn sie hangelte sich von Aushilfstätigkeit zu Aushilfstätigkeit, doch war dieser Job wie schon so viele ihrer Jobs zuvor nicht mehr als eine Übergangslösung, ein schlecht bezahlter Lückenfüller für Menschen ohne Qualifikation, den sie, dessen war sie sich bewusst, recht bald wieder verlieren würde.
Zwar hatten ihre Eltern einige Ersparnisse angesammelt, die ihr Vater nun so gut es ging verwaltete, doch wurden diese kleinen finanziellen Reserven hauptsächlich dafür eingesetzt, die monatlichen Rechnungen zu begleichen und das in die Jahre gekommene Haus irgendwie instand zu halten, in dem sie mit ihrem Vater zusammen wohnte und in dem schon ihre Ur-Großeltern vor ihr gewohnt hatten. Dieses Familienerb- und -bruchstück war mit einer beachtlichen Hypothek belastet, sie hatte in der Vergangenheit Schulden angehäuft, die sie nicht mehr würde bezahlen können, wenn das Ersparte einmal aufgebraucht wäre, und zu ihren materiellen Sorgen gesellten sich auch zwischenmenschliche Probleme. Während ihr Vater zunächst sie gepflegt und aufgezogen hatte, war es nun an ihr, ihren altersschwachen Vater zu versorgen. Sie hatten kein besonders gutes Verhältnis zueinander, denn er schien von ihr enttäuscht zu sein, doch war er immer noch ihr Vater und sie fühlte sich für ihn verantwortlich.
Auch ihr Beziehungsleben konnte sie nicht glücklich machen. Traf sie einmal einen Mann, auf den es sich in ihren Augen einzulassen lohnte, was in ihrem Leben bloß selten geschah, dann waren all diese Beziehungen mit jenen Männern doch nie von allzu langer Dauer und ließen sie in einem emotionalen Trümmerhaufen zurück, wenn sie schließlich wie ein Kartenhaus zerfielen. Kein eines Mal in ihrem Leben hatte sie je so etwas wie völlige Zufriedenheit erlebt. Zwar hatte sie ab und an das so genannte Glück gefunden, doch verging es stets wieder so schnell wie es gekommen war. Falls sich tatsächlich so etwas wie Hoffnung vor ihrer Nase befand, so konnte sie es jedenfalls nicht sehen. Kurz gesagt, ihr Leben war eine Großbaustelle, deren Architekt ein Zyniker und deren Vorarbeiter ein hoffnungsloser Unglücksrabe war.
Als sie zu einem ihrer vielen Bewerbungsgespräche ging, zu einem Vorstellungstermin in einem anonymen Glaspalast, bei dem sie wieder einmal abgelehnt wurde, traf sie einen Mann. Beide teilten das gleiche Schicksal, zumindest in Hinblick auf die enttäuschte Hoffnung, die dieses Bewerbungsgespräch ihnen eingepflanzt hatte, und beide führten sie ein Leben, mit dem sie nicht zufrieden sein konnten, selbst wenn sie es gewollt hätten. Anstatt nach Hause zu fahren, wo nichts auf sie gewartet hätte außer ihrem missgelaunten Vater, setzte sie sich gemeinsam mit diesem Mann in ein Café, bestellte Kuchen, den sie sich nicht leisten konnte, und verbrachte den gesamten Nachmittag mit angeregter Unterhaltung, mit Lachen und gar mit so etwas wie Euphorie. Die Zeit verging, als ob sie es nicht besser wüsste.
Spät am Abend stand sie vor der Wahl, den Tag nun mit dieser kurzen Episode der Freude zu beenden oder aber auf sein Angebot einzugehen, denn er hatte sie in seine Wohnung eingeladen, und schließlich verbrachte sie die Nacht mit diesem Mann. Er war nicht ihre große Liebe, darüber machte sie sich keine Illusionen, doch zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich wieder glücklich. Es war nicht bloß ein beiläufiges Glücksgefühl, wie sie es ab und an einmal erlebte, sondern völlig und unbedingt in seiner Art. Ihr Glück verdrängte jedes andere Gefühl in ihr, all die Sorgen und Ängste, deren schweres Gewicht sie ständig mit sich herumzutragen hatte, das sie herunterzog und an den Boden presste.
Als sie am nächsten Morgen nach Hause kam, tanzte sie ganz unbeschwert herum, schwebte lächelnd durch die Räume und summte leise vor sich hin, während ihr Vater, der all das überrascht zur Kenntnis nahm, sie bloß jäh und ruppig anblaffte, ob sie denn diesmal endlich einen ernstzunehmenden Arbeitsplatz gefunden hätte. Sie aber wollte das nicht hören, sie mochte in diesem Augenblick von alledem nichts wissen, denn sie war glücklich und sie wollte dieses zerbrechliche Glück nicht wieder zerfallen sehen, sie wollte diesen glücklichen Moment so lange konservieren wie irgend möglich. Sie blickte auf die Fotos früherer Tage, die überall in diesem Haus an den Wänden hingen, festgehaltene Erinnerungen an eine traurige Vergangenheit, die sie ihr Leben nannte. „Du wirst glücklich sein“, sprach sie sanft zu einem dieser Bilder, zu dieser unglücklichen jungen Frau, die bislang so wenig Hoffnung für sich gesehen hatte. Dann schritt sie fröhlich in das Arbeitszimmer ihres Vaters, öffnete eine Schreibtischschublade, griff hinein, nahm die geladene Pistole heraus, die ihr Vater darin aufbewahrte, steckte sich den Lauf in den Mund und drückte ab.

Rauschunterdrückung

Veröffentlicht am 5. Mai 2010 von

Freie Zeit gilt hier als Plage,
birgt sie Raum doch für Gedanken,
die sind störend, gar verachtet,
bringen Weltbilder ins Wanken.

(2010)

Leb(ens)los

Veröffentlicht am 1. Mai 2010 von

Plötzlich Angst und viele Tränen,
ging doch schneller als erdacht:
Ist ihr Dasein schon am Ende?
Haben niemals mitgemacht.
Schau’n sich um, erkennen trüb:
All die Zeit, da fehlte was;
Shopping, Auto und ein Haus:
Dieses „Leben“ – war es das?

(2010)