Heimkehr
Morgen sehe ich dich wieder. Warum ich dich heute noch nicht sehen wollte, kann ich nicht sagen. Ich habe nichts zu tun, zu Hause mag ich nicht sein, jemand anderen zu treffen, bevor ich dich getroffen habe, das kann ich nicht.
Also laufe ich los, verlasse das endlos leere Haus, nichts ist mehr darin außer Staub. Ich gehe auf die Straße, es ist warm, ich brauche bloß meine Sommerjacke und schlage den Kragen hoch. Ich gehe vorbei an dem Schafstall, dessen Geruch mir bei Nordwind, früher, in mein Kinderzimmer zog, und der mir nun wieder in der Nase liegt. Das Blöken der Schafe war oft das erste Geräusch, das ich am Morgen hörte.
Ich bin am Wald angekommen, dem von mir seit jeher verhassten Wald, der damals zwischen mir und einem besseren Leben in der Stadt lag. Du weißt das nicht, wohnst erst seit kurzem hier, hast dich entschieden hier zu wohnen. Aber dieser Wald, und auch die Felder, die dahinter liegen, waren in meiner Jugend die größten Ärgernisse. Bei uns gab es nichts, ich musste mit meinem Fahrrad immer durch den faulenden, feuchten Wald, über den schlammigen Waldweg, auf dem nie genug Kies lag, und immer kam ich verdreckt bei meinen Freunden an.
Ich bleibe nicht stehen, obwohl ich diesen Wald seit etwa acht Jahren nicht mehr betreten habe und denke an den Tag, den wir morgen zusammen verbringen werden. Als ich auf Reisen war, hatte ich dich fast vergessen. Als ich wusste, wann das Haus ausgeräumt sein würde, wann ich also wieder da sein wollte, dachte ich wieder mehr an dich. Und als ich dich anrief, konnte ich es kaum abwarten, deine Stimme zu hören. Ich dachte nicht, dass mir deine Stimme so vertraut sein würde.
Der Wald hat sich auch in den acht Jahren nicht sonderlich verändert, jedenfalls bemerke ich nichts. Neben dem Weg steht das rostrote Wasser in großen, tiefen Pfützen und weicht den Boden langsam auf. Hin und wieder sieht man Luftbläschen aufsteigen. Das Unterholz ist zu großen Teilen mit Moos bewachsen. Der Regen bleibt immer noch so lange stehen, dass an manchen Orten Schilf wächst. Überall sind Mücken und andere Insekten. Ich bin mir sicher, hier denselben Ekel vor dem Gären und Faulen des Waldes zu verspüren, wie den, der mich damals nach Frankfurt ziehen ließ, weit weg von den Wäldern. Aber ich rieche nichts, was mir unangenehm vorkommt. Ich fühle mich wohl in der feuchten Luft, meine guten Halbschuhe, die schwarzen mit dem Lochmuster, sind schon ganz verschmutzt und erzeugen dieses nasse Geräusch, wenn ich mit ihnen auftrete. Und irgendetwas riecht nach dir. Ich versuche es zu finden, es sind nicht die Blumen. Es ist nichts Bestimmtes, aber ich erinnere mich an die Abende vor meinen Reisen und weiß noch genau, wie ich nach der ersten Umarmung immerzu daran denken musste, wie gut du riechst. Als ich fort war, versuchte ich immer, mich an diesen Geruch zu erinnern. Seit gestern, seit ich wieder da bin, riecht es überall nach dir.
Ich gehe weiter, den Weg entlang, bis der Weg links am Wald entlang führt, bis ich auf den Bach treffe, der in diesem Abschnitt begradigt wurde, der ein Stück Zivilisation abbekommen hat. Das Wasser im Betonbett ist klar, ich sehe die Algen, wie sie alle stromabwärts zeigen und sich kaum bewegen. Ich sehe einen Fisch, der stromaufwärts schwimmt. Ich fürchte, ich bin daheim. Ich dachte, als meine Eltern umgekommen sind, wäre ich endlich losgelöst von hier, aber alles ist vertraut. Alles gehört in mein Leben, alles bleibt. Ich kann mich wieder an sie erinnern, an unsere Spaziergänge im Wald, am Fluss und in den Wiesen. Ich kann es nicht mehr abwarten, dich morgen zu sehen.
Das sind die Gedanken, die gestern durch meinen Kopf flogen, die mich wieder in der Welt verorteten. Ich werde sie dir niemals sagen. Der, der nicht liebt, ist immer der Mächtigere.