Archiv für Juni 2010:

Heimkehr

Veröffentlicht am 3. Juni 2010 von

Morgen sehe ich dich wieder. Warum ich dich heute noch nicht sehen wollte, kann ich nicht sagen. Ich habe nichts zu tun, zu Hause mag ich nicht sein, jemand anderen zu treffen, bevor ich dich getroffen habe, das kann ich nicht.
Also laufe ich los, verlasse das endlos leere Haus, nichts ist mehr darin außer Staub. Ich gehe auf die Straße, es ist warm, ich brauche bloß meine Sommerjacke und schlage den Kragen hoch. Ich gehe vorbei an dem Schafstall, dessen Geruch mir bei Nordwind, früher, in mein Kinderzimmer zog, und der mir nun wieder in der Nase liegt. Das Blöken der Schafe war oft das erste Geräusch, das ich am Morgen hörte.
Ich bin am Wald angekommen, dem von mir seit jeher verhassten Wald, der damals zwischen mir und einem besseren Leben in der Stadt lag. Du weißt das nicht, wohnst erst seit kurzem hier, hast dich entschieden hier zu wohnen. Aber dieser Wald, und auch die Felder, die dahinter liegen, waren in meiner Jugend die größten Ärgernisse. Bei uns gab es nichts, ich musste mit meinem Fahrrad immer durch den faulenden, feuchten Wald, über den schlammigen Waldweg, auf dem nie genug Kies lag, und immer kam ich verdreckt bei meinen Freunden an.
Ich bleibe nicht stehen, obwohl ich diesen Wald seit etwa acht Jahren nicht mehr betreten habe und denke an den Tag, den wir morgen zusammen verbringen werden. Als ich auf Reisen war, hatte ich dich fast vergessen. Als ich wusste, wann das Haus ausgeräumt sein würde, wann ich also wieder da sein wollte, dachte ich wieder mehr an dich. Und als ich dich anrief, konnte ich es kaum abwarten, deine Stimme zu hören. Ich dachte nicht, dass mir deine Stimme so vertraut sein würde.
Der Wald hat sich auch in den acht Jahren nicht sonderlich verändert, jedenfalls bemerke ich nichts. Neben dem Weg steht das rostrote Wasser in großen, tiefen Pfützen und weicht den Boden langsam auf. Hin und wieder sieht man Luftbläschen aufsteigen. Das Unterholz ist zu großen Teilen mit Moos bewachsen. Der Regen bleibt immer noch so lange stehen, dass an manchen Orten Schilf wächst. Überall sind Mücken und andere Insekten. Ich bin mir sicher, hier denselben Ekel vor dem Gären und Faulen des Waldes zu verspüren, wie den, der mich damals nach Frankfurt ziehen ließ, weit weg von den Wäldern. Aber ich rieche nichts, was mir unangenehm vorkommt. Ich fühle mich wohl in der feuchten Luft, meine guten Halbschuhe, die schwarzen mit dem Lochmuster, sind schon ganz verschmutzt und erzeugen dieses nasse Geräusch, wenn ich mit ihnen auftrete. Und irgendetwas riecht nach dir. Ich versuche es zu finden, es sind nicht die Blumen. Es ist nichts Bestimmtes, aber ich erinnere mich an die Abende vor meinen Reisen und weiß noch genau, wie ich nach der ersten Umarmung immerzu daran denken musste, wie gut du riechst. Als ich fort war, versuchte ich immer, mich an diesen Geruch zu erinnern. Seit gestern, seit ich wieder da bin, riecht es überall nach dir.
Ich gehe weiter, den Weg entlang, bis der Weg links am Wald entlang führt, bis ich auf den Bach treffe, der in diesem Abschnitt begradigt wurde, der ein Stück Zivilisation abbekommen hat. Das Wasser im Betonbett ist klar, ich sehe die Algen, wie sie alle stromabwärts zeigen und sich kaum bewegen. Ich sehe einen Fisch, der stromaufwärts schwimmt. Ich fürchte, ich bin daheim. Ich dachte, als meine Eltern umgekommen sind, wäre ich endlich losgelöst von hier, aber alles ist vertraut. Alles gehört in mein Leben, alles bleibt. Ich kann mich wieder an sie erinnern, an unsere Spaziergänge im Wald, am Fluss und in den Wiesen. Ich kann es nicht mehr abwarten, dich morgen zu sehen.

Das sind die Gedanken, die gestern durch meinen Kopf flogen, die mich wieder in der Welt verorteten. Ich werde sie dir niemals sagen. Der, der nicht liebt, ist immer der Mächtigere.

Erleuchtung

Veröffentlicht am 2. Juni 2010 von

„Ich verstehe das alles nicht. Was ist bloß mit mir los?“

„Bitte?“

„Was stimmt nicht mit mir? Ich habe letzte Nacht kein Auge zugetan. Für mehr als sechs Stunden lag ich wach, sechs volle Stunden, und die ganze Zeit habe ich fast ausschließlich an sie gedacht und die gesamte Situation, in der ich mich befinde. Nichts ergibt irgendeinen Sinn.“

„Ich verstehe nicht so recht, worum es geht.“

„Das Erste, woran ich denke, wenn ich morgens aufwache, ist ihr Gesicht, ihr Lächeln. Ohne zu zögern möchte ich sie anrufen, ihr einen Brief schreiben oder mich einfach irgendwie mit ihr treffen. Als ich das letzte Mal mit ihr zusammensaß, ertappte ich mich dabei, auf ihre Hände, auf ihre Handgelenke zu starren und bloß den einen Gedanken im Kopf zu haben, wie wunderschön sie sind und wie gerne ich sie berühren würde, nicht mit sexuellem Hintergedanken oder so, einfach nur… eine Berührung, um ihre Hände zu halten, um ihre Haut zu spüren.“

„Ich fange an zu verstehen.“

„Einmal erwähnte sie mir gegenüber irgendeinen unbedeutenden Typen, den sie getroffen hatte, ein namenloser Kerl, und ich fürchte, ich wurde eifersüchtig…“

„Warum?“

„Genau! Warum? Ich habe keine Ahnung, warum. Es gibt gar keinen Grund für mich, eifersüchtig zu sein.“

„Das heißt?“

„Es ist völlig hirnrissig.“

„Was?“

„Ich liebe sie nicht. Gott, ich habe nicht mal irgendwelche Gefühle für sie. Dennoch… verwirrt mich das alles sehr.“

„Alles? Was alles?“

„Ich sehe Gespenster.“

„Gespenster?“

„Ja. Ständig sehe ich Menschen, die so aussehen wie sie, die mich an sie erinnern, die sie in meinem Kopf lebendig werden lassen. In den Straßen der Stadt, im Zug, in irgendwelchen Bars, eigentlich überall. Selbst wenn ich ganz genau weiß, sie kann es nicht sein, die in diesem Moment genau da ist, wo ich auch bin, weil sie beispielsweise auf der Arbeit ist, spüre ich doch jedes Mal so ein Gefühl, so eine Hoffnung, dass es ja doch tatsächlich sie sein könnte, die ich da vor mir sehe. Ich fühle den Drang, einfach hinzugehen und sie anzusprechen, diese Gespenster anzusprechen, die ich sehe, obwohl ich doch genau weiß, wie sinnlos das wäre. Wenn jemand nur vage Ähnlichkeit mit ihr hat, geht das schon los und ich verhalte mich so fremd, fühle diesen Drang. Klinge ich wie ein Idiot? Bin ich verrückt?“

„Ich denke, wir kennen alle diese spezielle Form von Verrücktheit.“

„Sobald mein Telefon klingelt oder ich bloß eine Email bekomme, erwacht in mir sofort die Hoffnung und der Wunsch, es könnte vielleicht sie sein, und jedes Mal bin ich dann regelrecht enttäuscht, wenn sie es nicht ist. Am Anfang habe ich über all das gar nicht nachgedacht, ja ich habe es nicht einmal wirklich bemerkt, wie seltsam ich mich verhalte, aber in letzter Zeit kann ich es nicht mehr übersehen, nicht mehr ignorieren, und… es treibt mich in den Wahnsinn. Es ist, als blickte ich in einen Spiegel und sähe dort mein Spiegelbild irgendwelche Dinge tun, die ich selbst nie tun würde, doch zur gleichen Zeit weiß ich ganz genau, dass es niemand anderes ist als ich höchstpersönlich, den ich da im Spiegel sehe. Heute Morgen wollte ich einem meiner Kollegen eine Email schreiben, und als ich seine Emailadresse ins Empfängerfeld hätte eintragen müssen, stellte ich fest, dass ich schon ihre eingegeben hatte, ohne darüber nachzudenken. Es ist verrückt, oder? Das bin nicht mehr ich.“

„Du bist ein Entdecker in einem Wunderland. Gewöhn dich besser daran.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das möchte. Aber warte, da ist noch mehr. Als ich heute im Laufe des Tages an ihrer Wohnung vorbeifuhr, musste ich kurz an einer roten Ampel anhalten, und als ich da so wartete, das habe ich mir zunächst nicht eingestanden, hoffte ich, sie käme aus ihrer Tür heraus und geradewegs auf mich zu. Ich wusste, sie war nicht zuhause, dennoch habe ich genau das gehofft. Aber weißt du was?“

„Was?“

„Wenn sie tatsächlich aus ihrer Tür herausspaziert wäre, hätte ich nicht die geringste Idee gehabt, wie ich mit dieser Situation umgehen oder was ich zu ihr hätte sagen sollen. Es ist jedes Mal so, wenn ich sie sehe, ich fühle mich berauscht und unbehaglich zugleich, und ich verstehe nicht, wieso das so ist.“

„Aber du bist dennoch glücklich dabei?“

„Letzte Woche bin ich durch das halbe Land gereist, nur um einen einzigen Abend mit ihr zu verbringen…“

„Nur ein Abend?“

„Nur ein Abend. Ich habe eine Ewigkeit gebraucht, um zu ihr zu kommen, und es kostete mich ein Vermögen, aber es hätte mir nicht gleichgültiger sein können, denn alles, was mir in diesem Augenblick etwas bedeutete, war der Umstand, sie zu sehen, ihr nahe zu sein, Zeit mit ihr verbringen zu können. Oh Mann, ich kann immer noch nicht richtig glauben, dass ich das wirklich getan habe. Das entwickelt sich alles in die falsche Richtung.“

„Um ehrlich zu sein, klingst du sehr danach, als würdest du dir etwas vormachen, die Wahrheit verleugnen, und glaub mir, damit kenne ich mich aus, ich weiß, wovon ich rede.“

„Langsam bezweifle ich, dass es eine gute Idee war, das mit dir zu diskutieren…“

„Es zu ignorieren ist sicher keine bessere.“

„Hör zu, es gibt nichts zu verleugnen, aber selbst wenn dem so wäre, rein hypothetisch gedacht, wäre ich sicher der Einzige, der in dieser Sache emotional involviert ist, also muss ich darüber gar nicht erst nachdenken.“

„Und dennoch tust du es. Es spielt außerdem überhaupt keine Rolle, weißt du.“

„Was spielt keine Rolle?“

„Es spielt keine Rolle, ob sie ebenfalls emotional involviert ist, wie du es so hochtrabend ausgedrückt hast. Was immer sie für dich fühlt oder angeblich nicht fühlt, ändert rein gar nichts an dem, was du für sie empfindest. Du hast also Unrecht. Es hat durchaus Sinn, über all das nachzudenken. Du denkst über all das nach, du denkst über sie nach, du denkst an sie.“

„Aber ich empfinde doch gar nichts für sie!“

„Jaja, ist klar, wie auch immer. Lass mich kurz zusammenfassen, was du mir bis hierhin erzählt hast: Jeden Morgen ist sie das Allererste, woran du denkst, wenn du aufwachst, und du setzt Himmel und Hölle in Bewegung, nur um sie für eine kurze Zeit zu sehen, nur um ihr vorübergehend nah zu sein. Du bist nervös, wenn sie in deiner Nähe ist und du vermisst sie, wenn sie das nicht ist, darum siehst du deine so genannten Gespenster. Offensichtlich geht sie dir nicht mehr aus dem Kopf, und anscheinend geht sie dir auch nicht mehr aus dem Herzen. Du bist mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit gerade der dümmste Mensch auf diesem Planeten.“

„Warum sollte ich das sein und wer denkst du, dass du bist, um das zu beurteilen?“

„Oh, ich existiere nur in deinem Kopf, mein Freund. Das ist dir aber klar, oder? Dessen ungeachtet unterhältst du dich bereits seit einer knappen halben Stunde mit mir – nun, mit dir selbst eigentlich – darüber, wie du ja so gar keine Gefühle für sie hast, während sie gleichzeitig ganz offensichtlich das ist, was dich am meisten beschäftigt und dir am allerwichtigsten ist. Willst du mich verarschen? Soll das ein beschissener Scherz sein?“

„Bitte was?“

„Pass auf, ich werde dir keine definitive Antwort auf deine ursprüngliche Frage geben, aber wenn wir uns einmal ansehen, welche Hinweise und Anhaltspunkte du dir selbst gegeben hast, bin ich mir verdammt sicher, du wirst das Rätsel lösen. Ich hoffe für dich, du wirst es tun, andernfalls bist du ein riesiger Idiot. Ich habe erledigt, wofür ich kam. Viel Glück!“